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Stratfort an der Avon

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Abreise aus Oxford

Zweiundsechzig Meilen mit der Postkutsche nach Birmingham

Stratfort, Shakespeares Geburtsort

Castleton, den 30sten Juni.

Ehe ich Ihnen von meinem hiesigen Aufenthalt etwas sage, will ich in der Erzählung meiner Abenteuer fortfahren, und nur da wieder anfangen, wo ich es in meinem letzten Briefe gelassen habe.

Am Dienstage Nachmittage führte mich Herr Modd auf die Spaziergänge bei Oxford, und bemerkte denn ziemlich oft, dass sie nicht nur in England, sondern überhaupt in Europa nicht schöner sein könnten. Es waren wirklich auch recht hübsche Gänge und Alleen, insbesondre gefiel mir ein kleiner Spaziergang längst einem Flusse, hinter Christcorpscollege.

Wir setzten uns hier auf eine Bank nieder, und Herr Modd zog ein Journal aus der Tasche, worin unter andern auch ein deutsches Buch vom Professor Beckmann in Göttingen recensiert, und gelobt war. Herr Modd schien bei dieser Gelegenheit einigen Respekt für die deutsche Literatur zu bezeugen. Endlich schieden wir von einander, er zur Besetzung der Küsterstelle in Dorchester, und ich in die Miter, um mich ebenfalls zu meiner Abreise aus Oxford anzuschicken, die denn auch den Mittwoch früh um drei Uhr mit der Postkutsche vor sich ging, nachdem ich vorher eine verhältnismäßig ziemlich billige Rechnung bezahlt hatte.

Inwendig in der Postkutsche saß nur noch ein junger Mensch, der zwar schwarz gekleidet, aber nach seiner Kokarde am Hute zu schließen, ein Officier war. Hingegen war die Außenseite der Kutsche mit Weibern und Soldaten ganz besetzt. Die Weiber von geringem Stande tragen hier eine Art kurzer Mäntel von rotem Tuch, übrigens Hüte, wie die Vornehmen.

Die Tracht mit den Hüten, welche bei dem Englischen Frauenzimmer so gemein ist, dass sich die geringste Dienstmagd ihrer bedient, nimmt sich, wie mir deucht, weit besser aus, als die Hauben und Mützen unsers deutschen Frauenzimmers von bürgerlichem Stande. Es ist überhaupt in England kein so großer Unterschied in der Kleidung zwischen den Vornehmen und Geringen, als in Deutschland.

Ich hatte etwas Kopfweh, und machte daher bei meinem Reisegefährten in der Postkutsche ziemlich den Misanthropen, welches vielleicht ihm, als dem Engländer, eher zugekommen wäre. Allein hier war es umgekehrt, er redete mich einigemal sehr freundlich an, indes ich nicht die mindeste Lust bezeigte, mich in ein Gespräch mit ihm einzulassen. Indes gestand er mir nachher, dass eben diese anscheinende Zurückhaltung mir zuerst seine Gunst verschafft habe.

Er erzählte mir, dass er zwar Medicin studiert habe, nun aber nach Ostindien reisen, und da sein Glück als Officier versuchen wolle. Jetzt reise er nach Birmingham, um von seinen drei Schwestern, die dort in Pension wären, Abschied zu nehmen.

Ich erwiderte sein Zutrauen dadurch, dass ich ihm von meiner Fußreise in England, und von meinen Abenteuern erzählte. Er glaubte, dies sei erstaunlich viel gewagt, ob er gleich meine Absicht, bei dieser Art zu reisen, billigte. Auf meine Frage, warum die Engländer denn nicht auch um derselben Vorteile willen manchmal zu Fuße reisten? war seine Antwort: they are too rich and too lazy! (sie sind zu reich und zu träge dazu).

Und wahr ist es, selbst der ärmste Mensch setzt sich lieber in Gefahr, auf der Outside einer Postkutsche den Hals zu brechen, als eine Strecke zu Fuße zu gehen. Es sahe fürchterlich aus, wenn die Weiber, wo wir stille hielten, oben von der Kutsche herunterstiegen, und die eine war einmal wirklich in Gefahr zu stürzen, da sie eben im Herabsteigen begriffen war, und die Pferde unversehens fortgingen.

Von Oxford bis Birmingham sind zwei und sechzig Meilen: allein diese weite Strecke ging fast ganz für mich verloren, weil ich wieder in einer Postkutsche fuhr, wodurch ich zwar in großer Geschwindigkeit von einem Orte zum andern kam, aber nichts weniger tat, als reisen.

Mein Reisegefährte entschädigte mich indes einigermaßen für diesen Verlust. Er schien ein äußerst gutmütiger Mensch zu sein, und ich faßte in der kurzen Zeit eine Art von Zuneigung zu ihm, die man nicht leicht sobald gegen jemanden empfindet. Es schien dieses bei ihm eben der Fall zu sein, und es war beinahe, als wenn wir eine Art von Freundschaft stifteten.

Indem wir gerade zufälliger Weise uns eine Zeitlang von Schakespear unterhalten hatten, waren wir auf einmal, ohne dass einer von uns vorher daran dachte, in Stratford an der Avon, Schakespears Geburtsorte, wo unser Wagen still hielt, weil hier eine Poststation war. Dies war noch zwei und zwanzig Meilen von Birmingham, und vier und neunzig Meilen von London.

Unsre Empfindungen teilten sich hier einander sehr lebhaft mit.