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Vor dem Erdöl

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Die Zeit vor dem Erdöl

Kakao, Kaffee, Zuckerrohr, Baumwolle und Indigo als Exportware

Der spanischen Krone war Venezuela bis ins 18. Jh. gleichgültig, da die Existenz von Bodenschätzen noch unbekannt und die Plantagenwirtschaft noch nicht verbreitet war. Das einzige, was damals in geringen Mengen exportiert wurde, war Leder, das bei der Viehwirtschaft abfiel.

Die französischen und englischen Kolonialherren führten den Spaniern, in ihren karibischen Kolonien, ertragreiche Großplantagen vor, so dass diese hier nachzueifern begannen. Die Exportgüter, die das Land nun hervorbrachte, hießen: Kakao, Kaffee, Zuckerrohr, Baumwolle und Indigo. Der Aufschwung war so gewaltig, dass Venezuela zur bedeutendsten Kolonie des spanischen Königs wurde. Die Spanier verschleppten viele schwarze Sklaven nach Venezuela, da sie Arbeitskräfte benötigten und die Versklavung der Indios 1542 verboten worden war. Es entwickelte sich eine Klasse von Großgrundbesitzern, die der Krone ihre Macht demonstrierte und sie zur Aufgabe handelspolitischer Monopolpraktiken zwang. Die Nachkommen der weißen Elite, die bereits im Land geboren wurden (Kreolen), blieben von allen wichtigen Staatsposten ausgeschlossen. Anspruch besaßen nur in Spanien geborene Personen. Die Kreolen versuchten sich daraufhin zu emanzipieren. Moralische Unterstützung fanden sie in der Französischen Revolution und im Unabhängigkeitskampf der Nordamerikaner.

Erst als Napoleons Streitkräfte Spanien besetzten, befürchtete die weiße Elite eine Veränderung in der Politik der Kolonialherrscher und entschied sich für den Befreiungskampf, der 1811 begann und zehn Jahre später mit der Erlangung der Unabhängigkeit endete. Die Loslösung von Großkolumbien im Jahre 1830 konnte durchgesetzt werden, weil die Zentralregierung in Bogotá nicht genügend Finanzmittel zur Verfügung stellen konnte, um dem wachsenden Export gerecht zu werden. Des weiteren wurden Rassenunruhen erwartet, weil sich die Reform zur Sklavenbefreiung nicht vollzogen hatte. Viele Großplantagen fielen im Befreiungskrieg der Zerstörung anheim, und fast ein Drittel der Bevölkerung wurde getötet. Die Bodenreform, die Bolívar General Páez versprochen hatte, wurde durchgeführt. Jeder Soldat erhielt ein Stück Land. Jedoch besaßen die Soldaten der unteren Ränge keine finanziellen Mittel, um das Land zu bewirtschaften, so dass sie es weit unter Preis verkaufen mußten. Da das Wahlrecht vom Grundbesitz abhing, bündelte sich die Macht wieder bei der weißen Elite.

Der Export richtete sich dann auf Kaffee, Baumwolle und Tabak aus. 1854 kam es zur endgültigen Sklavenbefreiung. Nach dem in den Südstaaten der USA praktiziertenMuster gaben die Gutsherren den Sklaven ihre Freiheit und verpachteten ihnen Land zu Wucherzinsen. Dem ehemaligen Sklavenbesitzer oblag nun nicht mehr die Fürsorge für seine Sklaven, und er sparte Bewachungspersonal ein. Die Sklaven mußten sich nun selbst ausbeuten, um die Pachtzinsen zu erwirtschaften. Das Land verfiel erneut in zahlreiche Bürgerkriege und Machtkämpfe. Erst unter General Guzmán gelang es 1870, die Kämpfe zu beenden und das Land zu stabilisieren. Man rehabilitierte Bolívar und benannte die Währung nach ihm. Im ganzen Land, d.h auch in kleinen Ortschaften, stellte man Standbilder auf. In Großstädten stoßen wir auf die stattliche Bronzestatuen, die ihn hoch zu Roß zeigen und teilweise in Berlin gegossen wurden. In den kleineren Dörfern findet sich meist nur sein Porträt. Ansonsten trägt überall ein öffentliches Gebäude, ein Platz oder eine Straße Bolívars Namen. Das erste Auslandskapital floß nun in den Kaffeesektor und brachte die Großgrundbesitzer in Abhängigkeit.

Nach Guzmán (1888) kam es wieder zu politischen Unruhen, und ein General löste den nächsten ab. Präsident Cipriano Castro, der 1899 sein Amt antrat, wurde durch seine Skrupellosigkeit auch in Europa bekannt. Überfällige Schulden bediente er nicht, so dass Kriegsschiffe aus Italien, England und Deutschland vor der venezolanischen Küste kreuzten, um den Forderungen Nachdruck zu verleihen. Erst mit Gómez (1908) und der Zeit des Erdöls kehrte wieder Ruhe ein. Er hielt die Ordnung mittels eines effizienten Polizei- und Spitzeapparats aufrecht. Regimekritik nahm er nicht einmal andeutungsweise hin. Der wirtschaftliche Aufschwung half, das Volk zu besänftigen. Mit den ersten Erdöleinnahmen beglich er die Auslandsschulden, bevor die persönliche Bereicherung einsetzte.