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Partyfieber

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Exzessive Nächte

Die »Russ«

Schulabgänger auf freiem Fuß

In den ersten Maiwochen treiben eine Woche lang die »Russ« ihr Unwesen auf norwegischen Straßen und Plätzen. Die ausgelassene Stimmung hat ihren Grund: Nach dem 17. Mai, dem Nationalfeiertag, kommt für jene »Russ« ein noch viel wichtigerer Tag.

Samstagabends wirft das gesittete Norwegen seine strengen protestantischen Moralvorstellungen über Bord und badet förmlich im Alkohol. Die Innenstädte versinken dann im Taumel der heißen Nacht. An diesem Abend hat Mr. Hyde Ausgang. Komisch anmutende Lieferwagen mit hausähnlichem Dach und weißen Plattformen pendeln durch die Stadt. Das müssen sie sein ...

Der typische »Russ« ist jung an Jahren, rot im Gesicht und betrunken. Sogar unter der Woche. Als frischgebackener Abiturient hat er nun einen Monat Ferien. Er tut den ganzen Tag nichts anderes als trinken, macht kaputt, was ihm unter die Finger kommt, und fährt dann weiter mit einem komischen Gefährt, dessen Miete er dadurch beglichen hat, dass er es mit Werbesprüchen und pornographischen Bildern versehen hat. Begegnen sich rot und blau bemützte Russ – bei ersteren handelt es sich um die Wirtschaftswissenschaftler, bei letzteren um die Geisteswissenschaftler – dann schlagen sie sich erst mal. Anschließend wird einträchtig gebechert. Teil des Aufnahmeritus ist es, den Alkoholkonsum regelmäßig zu betreiben: der Russ muß jeden Samstag zum Unterricht erscheinen, und zwar von 19h-1h morgens. Hörsaal ist der Pub.


... und das Fest geht weiter

Wer unter der Woche, z.B. an einem gewöhnlichen Dienstagabend, in Oslo oder sonstwo in Norwegen anlangt, denkt erst mal: »Na, hier läuft man aber nicht gerade Gefahr, vor Vergnügen umzukommen!« Die Straßen liegen schon am frühen Abend wie ausgestorben. Passanten gehen schweigend ihrer Wege, ein Volk von Stubenhockern ... Sicher nicht dazu angetan, sich zu amüsieren. Dieser erste Eindruck ist zwar richtig, aber Gott sei Dank nicht vollständig, da die norwegischen Städte zwei Gesichter haben, und der Norweger, so könnte man fast sagen, zwei Personen in sich birgt. So ruhig und reserviert er sich unter der Woche gibt, so aufgekratzt ist er am Wochenende. Das ist allgemein so und fast schon eine Regel, die nicht allein für die »Russ« gilt. Von Freitag bis Sonntag bricht dann in allen Städten und Dörfern des Landes die gute Laune hervor. Alle Welt geht aus. Männer und Frauen tanzen, trinken und verströmen allerbeste Laune.

Nicht zu vergleichen mit den chronischen und verzweifelten Alkoholikern bei uns: wenn jemand in Norwegen das Bier hinuntergießt oder einen Aquavit kippt, dann geschieht das gemeinsam und zum Amüsement. Die allwöchentlichen Vergnügungsorte platzen aus allen Nähten, so dass auch keiner fürchten muß, nicht das Richtige zu finden. Gemütliche Bars, laute Pubs, Discos, in denen wirklich getanzt wird ... An solchen Abenden lernt man die liebenswürdige und offene Seite der Norweger kennen, und, wer weiß, vielleicht sogar die große Liebe!

Wahrscheinlich rührt diese Gewohnheit, sich jedes Wochenende zu treffen und es gehörig krachen zu lassen, aus dem Kulturerbe der Wikinger. Auf jeden Fall stellt es für unsereins eine höchst angenehme Überraschung und ein unvergeßliches Erlebnis dar, das Saturday Night Fever Norwegens miterlebt zu haben.