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Geburt eines Staates

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Geburt eines Staates

Aber kann man denn wirklich von einer schottischen Ethnie sprechen? Im 12.
Jahrhundert richteten sich die Könige Schottlands an ihre »französischen,
englischen, schottischen, bretonischen und flämischen« Untertanen. Es
wäre außerdem angemessen, zu dieser Scotch broth (schottische
Fleischbrühe) noch zwei stark gewürzte Zutaten hinzuzufügen,
die Pikten und die Wikinger.

Der Schrecken, in den die Pikten die Römer versetzten, findet nur seinesgleichen
in dem Geheimnis, das ihre Kultur umgibt. Obschon gut tausend Jahre lang unbestrittene
Herrscher über Kaledonien, hinterließen sie uns nichts weiter als
einige runde Wachtürme, die brochs, wundervolle Steingravuren,
stilisiert, streng ausgeführt, symbolträchtig und häufig rätselhaft,
eine Ortsnamenkunde, die der gallischen benachbart ist und ... einen gediegenen
Ruf als Kämpfer. Den Römern, die sich doch von den schlimmsten Barbaren
nicht abschrecken ließen, gelang es niemals, sich dauerhaft in diesem
Land der tätowierten Wilden niederzulassen, daher auch, wenn man der
volkstümlichen Etymologie Glauben schenkt, ihr Name Picti. Von
diesem Mißerfolg legen heute noch die beiden Wälle Zeugnis ab,
Hadrianswall (Tyne-Solway) und Antoninswall (Clyde-Forth) genannt, den die
Legionen im Laufe des zweiten Jahrhunderts anlegen mußten, um sich damit
mehr schlecht als recht vor den kaledonischen Horden zu schützen, die
von ihren Hügeln herunterströmten. Und dabei mußten sich diese
wilden Krieger vor ihren Frauen gut benehmen: denn bei diesen galt die Vielmännerei,
d.h. sie hatten ein Recht auf einen Ehemann und mehrere Geliebte, die jederzeit
abgesetzt werden konnten. »Ist es nicht besser, sich offen den besten Männern
hinzugeben, als heimlich mit den häßlichsten zu verkehren?« warf
die Ehefrau eines Piktenhäuptlings im dritten Jahrhundert einer entrüsteten
römischen Matrone an den Kopf. Sie würde ihre weiblichen Nachfahren
nicht verleugnen: diese verloren zwar im Laufe der Zeit die Möglichkeit
zu freiem Genuß, aber die Schottinnen haben die freie Art zu reden ihrer
weiblichen Vorfahren beibehalten.

Die Skoten von Ulster, ein Volk des gälischen Zweigs der in Irland
– damals Scotia geheißen – ansässigen Kelten, gründeten
im sechsten Jahrhundert die Kolonie Dalriada in dem Gebiet der heutigen Grafschaft
Argyll (Earrarghàidheal, die »Küste der Gälen«) in den südwestlichen
Highlands. Einer von ihnen, der heilig Columba, baute 563 auf der kleinen
Insel Iona ein Kloster. Er bekehrte recht schnell die meisten piktischen Stämme,
deren kulturelle Anpassung von da an nicht mehr aufzuhalten war. Lateinische
Heiligenerzählungen und Reiseberichte, irische Eulogien, Elegien und
Sagen zeugen ab dem siebten Jahrhundert von der Lebendigkeit skotischer Kultur.
Diese auf gälisch geschriebenen Werke bilden eine der ältesten Volksliteraturen
Westeuropas. Die Skoten führten, beeinflußt vom zeichnerischen
Vermögen sowie der Steinschneidekunst der Pikten, ihre Technik bei der
Herstellung von Illuminationen und Schmuck auf einen äußerst hohen
Stand. Aber leider befinden sich die prächtigsten Exemplare skotischer
Juwelierkunst nicht in Schottland – es gibt nur einige wenige im National
Museum of Antiquities of Scotland
in Edinburgh – sondern in Dublin in
der wundervollen Sammlung des National Museum. Dort kann man das den
keltischen Völkern eigene Prinzip der Dekorationsabwandlungen auf dem
Höhepunkt seiner Perfektion bewundern: das ist die Grundlage aller Künste,
in denen sie glänzten, Musik für Harfe und Dudelsack (pibroch),
Tanz, Gesang, Lyrik, Ornamentik.

Der von einer piktischen Mutter und einem skotischen Vater abstammende Kenneth
MacAlpin wurde 841 oberster Herrscher der beiden Königreiche. Die beiden
großen, wiedervereinten Völker besetzten dann das Land nördlich
der Linie Forth-Clyde, von den Historikern Europas zu Scotia umgetauft,
während seine Bewohner es Alba nannten – der mildere Name, den
die Gälisch-Anhänger heutzutage lieber verwenden als Scotland.
Der Norden und der Westen dieser gebirgigen Region waren der Wikingerherrschaft
unterworfen. Von ihren vorgerückten Basisstellungen auf den Shetland-
und den Orkneyinseln aus, unternahmen sie vom siebten Jahrhundert an unzählige
Überfälle die Küsten Albas entlang. Später kolonisierten
sie alle atlantischen Inseln von den Hebriden bis zur Insel Man sowie die
Küstengebiete im Westen und Norden, insbesondere Caithness und Sutherland,
das den Wikingern seinen paradoxen Namen »Land im Süden« verdankt. Die
zur Exogamie gezwungenen Siedler übernahmen schließlich die Gebräuche
der eroberten Völker: Sprache, Kleidung, Bestattungsriten, später
auch die Religion. Auf den Hebriden machten sie sich daran, Gälisch zu
sprechen und fügten sich in die Stammesverbände ein. Auf den Orkney-
und Shetlandinseln dagegen bewahrten sie ihre nordische Sprache bis ins 18.
Jahrhundert, tauschten allerdings recht schnell ihr Schwert gegen den Pflug
ein: welch´ ein Gegensatz besteht zwischen der bukolischen Orkneyinga Saga
(Saga der Orkneyinseln) aus dem 12. Jahrhundert und jenen Gedichten
aus Feuer und Blut, die andere Nachfahren der Wikinger zur gleichen Zeit anstimmen,
nämlich die isländischen Sagas!

Diese aus der Kälte kommenden Eroberer waren nicht die einzigen, die
das skotisch-piktische Expansionsstreben behinderten. Die Angeln aus Nordhumbrien,
ein im Nordosten des heutigen Englands heimisch gewordener germanischer Volksstamm,
hatten seit dem sechsten Jahrhundert damit begonnen, die fruchtbaren Hügel,
die sich jenseits der Cheviots wellenförmig hinziehen, zu kolonisieren.
Sie hatten sich dauerhaft in Edinburgh eingenistet und beherrschten gegen
Ende des siebten Jahrhunderts ein riesiges Gebiet von den Ausläufern
der Highlands bis zu den Grenzen von Wales. Ihre Vorherrschaft war aber nur
von kurzer Dauer. Den Eingriffen der angrenzenden Königreiche unterworfen,
schrumpelte Nordhumbrien wie ein Stück Leder, um dann schließlich
beim Anbruch unseres Jahrtausends alle Gebiete zwischen Forth und Tweed an
den ehrgeizigen Schottenkönig, Malcolm II., abzutreten.

Im Südwesten, zwischen Clyde und Solway, hatten sich Gruppen von Südkelten
in eine gewisse Zahl von kleineren Königreichen zusammengetan, von denen
das bedeutendste um Dumbarton herum seinen Mittelpunkt hatte (»Festung der
Briten«) und Strathclyde hieß. Mehrere Historiker glaubten in ihm das
Land von König Artus zu erkennen. Diese Nordwaliser waren von gefräßigen
Nachbarn umringt: nacheinander besetzten Römer, Angeln und Wikinger die
Region. Gälische Siedler aus Irland ließen sich dort im neunten
Jahrhundert nieder und gaben dabei der Provinz Galloway ihren Namen, »Land
der fremden Gälen«. Zwei Jahrhunderte nach den nordhumbrischen Besitzungen
gingen ihrerseits die gälischen Gebiete nördlich des Solway Firth
in skotische Herrschaft über.

Schottland war geboren. Abgesehen von den skandinavischen Randgebieten im
Norden und Westen entsprechen die Grenzen des Königreichs Mitte des elften
Jahrhunderts den heutigen. Von seiner Dynastie, auf Kenneth MacAlpin zurückgehend,
seinen Sprachen (Gälisch und Britannisch), seiner sozialen (eher Stammes-
als Lehnswesen) und religiösen Organisation her (einzelne Gebiete waren
Äbten unterstellt und nicht Bistümern), ist das Schottland des Jahres
1000 ein durch und durch keltischer Staat.