Unangenehm

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Einschüchternde Blicke

Tolle Ausblicke aus dem Glasbodenboot

Herrlicher Ausflug zum Great Barrier Reef

Am nächsten Tag schipperten wir mit einem Glasbodenboot zum Great Barrier Reef. Auf der Fahrt erklärte unser Bootsfahrer, wir hätten gut daran getan, unsere Schnorchel mitzubringen, denn da draußen sei die Welt noch in Ordnung. Wir hielten an einer kleinen Insel, bekamen frischgefangenen Hummer mit einem köstlichen Dip serviert, und weiter ging die, durch den Glasboden des Bootes herrlich zu beobachtende „bunte“ Fahrt zum größten Korallenriff der Erde. Wir schnorchelten eine Weile, aber irgendwann sagte ich zu Rick: „Was haben nur alle für ein Getue mit diesem Riff, bei uns in Niugini sieht man die gleiche bunte Welt beim Schnorcheln unter sich wie hier!“ Er lachte: „Ja, aber dies ist Australien, und schon allein deshalb etwas Besonderes, du Niugini-Nationalistin!“ Da war er wieder, dieser ganz natürlich gezeigte Nationalstolz, den ich an Touristen schon so oft bemerkt hatte, egal, aus welchem Land sie kamen. Ob wir Deutschen wohl jemals dazu in der Lage sein werden? fragte ich mich.


Am Abend setzten wir uns zum Essen in eins der Straßenrestaurants, die es in Cairns Tür an Tür gab. Wieder berührten mich die offenblickenden Menschen, die durch die Straßen der Stadt schlenderten, nicht eilten. Menschen, die Zeit hatten, einander in die Augen zu schauen und zu grüßen. Rick erstand noch eine Flasche Wein in einem bottle shop und erklärte mir, dies sei hier so üblich, da sich die Restaurantbesitzer auf diese Art die Lizenz für Alkoholausschank ersparten. Tatsächlich wurden uns im b.y.o.-Restaurant anstandslos schöne Weingläser auf den Tisch gestellt – b.y.o. steht für bring your own, bring deinen eigenen (Alkohol), was ich in Cairns zum ersten Mal erfuhr.


An diesem Abend, meinem letzten in Cairns, hatte ich ein Erlebnis, mit dem ich bis heute nicht umgehen kann, vor dem mir sogar bange ist, es aufzuschreiben. Wir bestellten unser Essen, prosteten uns mit unseren Gläsern Wein zu, als ich spürte, dass mich jemand ansah. Spürte, schreibe ich, es war mehr als Spüren – etwas bohrte sich von der Seite in mich hinein, ließ mich nicht mehr los, zwang mich aufzusehen. Gerade hatte ich mich noch lachend mit Rick unterhalten, jetzt konnte ich nicht mehr hören, was er sagte, das „Etwas“ sog meine Aufmerksamkeit wie mit magischen Kräften an. Aus den Augenwinkeln nahm ich einen Aborigine, einen Ureinwohner Australiens, wahr, der auf einer Bank unter einem der rötlich gefärbten Eukalyptusbäume saß, und ich wusste tief in mir, dass es dieser Mann war, dessen Kräfte mich gezwungen hatten, in seine Richtung zu blicken.


Unser Essen wurde gebracht, ich wollte essen, aber der Blick des Aborigene hinderte mich, hielt mich fest. Er stand auf, noch immer mich anblickend, kam auf uns zu. Neben unserem Tisch stehend, sagte er mit heiserer Stimme: „You arrr one of us, du bist eine von uns!“ Ich schaute fassungslos auf, begegnete seinem Blick – ein Gefühl völliger Unwirklichkeit überkam mich, die Augen des Mannes schienen größer zu werden, als wollten sie mich mitnehmen, irgendwohin, aber ich wollte nicht mit. Er versuchte es noch einen Moment mit seinen Augen, bis er sich umdrehte und einfach in der Menschenmenge entschwand. Noch heute kann ich den Blick des Mannes spüren, seine Worte hören, aber noch immer weiß ich nicht, was das alles zu bedeuten hatte.


Der große, dunkle Mann war verschwunden, aber ich konnte nicht essen, zu tief war mein Innerstes getroffen von einem einzigen langen Blick. Rick meinte, das sei nur „irgend so ein Abo“ gewesen, aber ich fühlte, dass es mehr war. Noch jetzt beim Aufschreiben dieser Begegnung, muss ich mich innerlich schütteln, um das beklemmende Gefühl abstreifen zu können, das sie in mir bewirkt hat, und die Trauer über das Nichtverstehen stellt sich wieder ein.