Freizeit

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Zeit, was ist das?

Ein Gefühl der Hilflosigkeit

Wiederkehrende Lebensfreude

Es war nicht leicht, die Lücke auszufüllen, die durch die Abreise der beiden entstanden war. Mir fehlte – trotz Hettas offensichtlicher Erschöpfung – ihre starke Persönlichkeit, ihre Sicherheit, ihr Beurteilungsvermögen. Ich hatte mich fürs Leben auf einer Außenstation vorbereitet gehalten. Und doch traf mich jede neu zu bewältigende Schwierigkeit wie ein Keulenschlag. Nichts wollte funktionieren, wie ich es wollte. Ich begann, der vorher kritisch betrachteten Erschöpfung meinen Tribut zu zollen. Aus einer selbstbewussten, lebensbejahenden jungen Frau wurde ein Fragezeichen. Mir schien, als könne ich nichts, als würde ich zu einem Nichts. Fassungslosigkeit, Ohnmacht, Traurigkeit waren plötzlich meine Begleiter. Ich fühlte mich „von allen guten Geistern verlassen“, ließ mich immer tiefer ziehen von diesem Gefühl, das Lachen mochte mir nicht mehr gelingen.


Michael wollte zu einem Buschtrip aufbrechen, da er vorhatte, zusammen mit Pastor Aisaip einige Dörfer zu besuchen. „Wie kann ich dich allein lassen in dieser Verfassung?“ fragte er mich ratlos. Ebenso ratlos antwortete ich: „Irgendwie muss es ja weitergehen, vielleicht habe ich mich ja bis zu deiner Rückkehr gefangen“. Leicht fiel uns beiden der Abschied nicht. Sein Weggehen nahm ich zum Anlass, noch tiefer in meinem Loch zu versinken – jetzt war ich auch noch ganz auf mich alleine gestellt.


Spätabends, Amos lag längst im Bett, hörte ich draußen jemanden husten. Das „Abendkonzert“ der Zikaden war in vollem Gange, aber deutlich hörte ich dieses Husten, es schien nur wenige Meter entfernt vom Haus zu sein. Ich spähte nach draußen und nahm den Schein einer Kerosinlampe wahr, tatsächlich nur wenige Meter neben dem Fliegengitter des Fensters. Auf einmal wusste ich – es war wie eine Eingebung – das war niemand, der meinem Kind und mir Böses wollte, das war jemand, der uns beschützen wollte. Ich trat nach draußen, um mich zu vergewissern, obwohl ich mir innerlich schon sicher war. Hatte Hetta mir nicht erzählt, dass sich Einheimische nie bei Dunkelheit einem Haus näherten, ohne sich durch Husten bemerkbar zu machen? „Das gehört bei den Einheimischen zum Anstand“, hatte sie gesagt. „Im Dorf könnte sonst die Vermutung entstehen, dass sie jemanden belauschen, bestehlen oder gar verzaubern wollen.“


Als ich vor die Tür trat, rief mir Sinaraum, einer unserer Außenarbeiter gleich „Gut Nait, Mama!“ zu. Er war selbstverständlich gekommen, um während der Nacht über Amos und mich zu wachen, schließlich war doch Papa nicht da, der sonst diese Aufgabe wahrnahm. Dieser junge Mann hatte sich mit Pfeil und Bogen bewaffnet und wollte bis zum Morgengrauen beim Haus wachen.

Ich kehrte ins Haus zurück, setzte mich im Schein meiner Kerosinlampe ins Wohnzimmer; die Bitterkeit der letzten Wochen bröckelte von mir ab wie eine getrocknete Schlammkruste. Ich war gar nie verlassen gewesen, ich war kein Nichts. Der junge Einheimische da draußen zeigte mir das deutlich. Ein tiefer Seufzer, all die trübseligen Gedanken herauslassend, entwich mir. Ich fühlte mich lebendig, wollte mich nicht mehr in meinem Loch vergraben. Ab morgen, so nahm ich mir vor, würde ich mich dem Leben hier wieder öffnen.


Am nächsten Morgen war ich ein anderer Mensch. Meine Sinne waren wieder aufnahmefähig, die Tropensonne schien mir nicht mehr unerträglich heiß, sie strahlte für mich vom klaren Himmel. Ich fing an, im Haus umzuräumen, wollte es zu unserem gestalten. Die dunklen Holzwände im Wohnzimmer störten mich – war da nicht im workshop ein Eimer mit weißer Ölfarbe gewesen? Ich ging rüber, fand den Eimer, suchte mir ein paar dicke Pinsel dazu aus und legte im Haus los. Amos saugte die veränderte Stimmung auf, spielte neben mir, wobei wir zusammen einige seiner Kinderlieder sangen. Das Gefühl von Leichtigkeit kehrte zurück, mein vorher quengeliges Kind hatte mit mir das Lachen wieder erlernt.


Am Nachmittag tat ich zum ersten Mal etwas, das zu einem Ritual werden sollte. Ich füllte etwas Tee in einen Beutel, packte mir Amos auf die Hüfte, und wanderte über die Station, um mit einer der Mamas Tee zu trinken. Das Kapitel „Einsamkeit“ war abgeschlossen. Später würden mich die Mamas beobachten, bei wem ich wohl heute einkehrte, sie würden dazustoßen und wir würden zu mehreren Frauen zusammensitzen. Als Michael von seinem Buschtrip zurückkam, fand er eine veränderte, frohe Frau und ein Haus mit hellem Wohnzimmer vor. Am Abend setzten wir uns im Wohnzimmer zusammen, Michael holte seine Gitarre, und wir sangen mit Amos seine ihm bekannten Lieder. Zum Abschluss war wie immer „Kumbaya my Lord, kumbaya“ dran. In Vorfreude grinste Michael zu mir mit Amos auf dem Schoß herüber, stimmte das Lied an, und unser Söhnchen sang erwartungsgemäß mit Begeisterung „Kumbaya Milo, kumbaya! “ Milo hieß das Kakaopulver, das wir Amos morgens in seine Milch rührten.