Auszeichnung

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Merkwürdig adressiert

Schlemmermahl auf der Veranda

Entführung in die Welt der Magie

Ich habe mich lange davor gedrückt, habe überlegt, was ich noch Abenteuerliches, Schönes, Bewegendes erlebt haben könnte, um das, was mir den Atem nahm, noch ein wenig vor mir her zu schieben. Aber wie im wirklichen Leben gehört die Zeit, als auch Janna uns verlassen musste, als Kapitel dazu. Als sie mit der sechsten Klasse die Primary School abgeschlossen hatte, meldeten wir sie in Ukarumpa an der High School an. Zumindest, trösteten wir uns, musste sie nicht alleine dorthin, sie würde ihren Bruder als Beschützer dabei haben.


Wir verbrachten noch einmal wundervolle Weihnachtsferien miteinander, in denen Amos und Michael zusammen einen Tauchkurs absolvierten. Wir besuchten bewusst als Familie das waterhole, waren an Wochenenden auf Sinub, trafen uns mit Freunden in Nagada, aber der eiserne Ring um das Herz des Alphamuttertiers Gabi zog sich mit jedem Tag enger und enger zusammen.


Ich erinnerte mich, wie Janna mit Michael an einem Wochenende nach Goroka geflogen war, ein Wochenende, über das ich mich gefreut hatte, es allein zu verbringen. Ich hatte eine schwere Erkältung gehabt und gedachte, mich über die freien zwei Tage gründlich zu erholen. Aber pünktlich am Samstag war von meiner Mutter ein Päckchen gekommen mit Tüllstoff, um den Janna sie gebeten hatte. So hockte ich also an einem Wochenende fiebergebeutelt an der Nähmaschine, um das heißersehnte Ballettröckchen für Janna bis zu ihrer Rückkehr fertigzunähen.


Dieses Mal versuchte ich, mit einer Art vorbeugender Therapie, dem Schmerz zu begegnen. Wie beim Abschied von Amos rief ich Bilder aus Jannas früher Kindheit in mir wach, ich erinnerte mich an ihre Wortschöpfungen, wie sie „Toilette spülen“ „schwankeln“ genannt hatte, wie sie einen Waschlappen als „Lappwaschen“ bezeichnete. Ich sah mich wieder bei meinem Baby Janna nach dem Brei füttern ihren Mund abschlecken und hörte sie dabei wie eine Katze schnurren. Ich erinnerte mich an ihre hilfeflehenden Blicke, als sie eine Schule besuchen musste, von deren Unterrichtssprache sie so gut wie nichts verstand. Ich versuchte redlich, mich auf dieses erneute Loslassen eines Kindes vorzubereiten.


Als es so weit war, als wir unseren davon fliegenden Kindern nachwinkten, glaubte ich, nie mehr lachen zu können. Mein Gästehaus, ohne Anrufe von Janna, die dies oder das mitgebracht haben wollte, es schien mir alles so freudlos, so sinnentleert. Michael und ich mussten völlig neu lernen, wer wir waren ohne diese Kinder, die wir über Jahre hatten begleiten dürfen. Essen ohne unsere Kinder – das Kochen hatte wochenlang nichts Lustbereitendes für mich. Schwimmen und Schnorcheln, Michael und ich rückten oft hinterher wortlos zusammen, schauten aneinandergelehnt dem Sonnenuntergang zu; wir brauchten keine Worte – unsere Kinder fehlten uns.


Ich begann, in Nagada bei Fonte, einem Angestellten von Kristen Pres, der von den Fidschi-Inseln stammte, einen Karatekurs zu besuchen. Neben Sams Haus standen wir auf dem Rasen, vor uns der Sandstrand und die über dem Meer untergehende Sonne, und bewegten uns nach Fontes Anweisungen. Ich habe noch im Ohr, wie Fonte „Kick!“ ruft und unsere Beine hochschnellen.


Bald begannen Michael und ich, abends abwechselnd Yoga und Aerobics zu machen, die Wochenenden mit Roswitha und Jochen auf Sinub waren eine große Hilfe bei dem Selbstfindungsprozess zu zweit. Es dauerte seine Zeit, aber irgendwann konnten wir damit umgehen, dass wir ohne unsere Kinder leben mussten.


Zu den Osterferien kamen sie wieder, unsere beiden starken Kinder, sie hatten sich in ihrem Hostelleben enger denn je zusammengefunden und schrieben sich jetzt kleine Briefchen, die sie in den Pausen austauschten, meist über typische Teenagerthemen wie „Soll ich mit dem oder du mit ihr gehen?“. Ich kochte wieder mit Lust, sie wollten Braten mit viel Sauce und Klöße haben, wir genossen das Essen und Einanderwiederhaben, Miteinandersingen, ich musste Videos aus Madang mitbringen, wir waren eine Familie.