Warten

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Anstrengende Gäste

Nicht ordnungsgemäßes Auschecken

Ausnahmesituation wegen unsachgemäßer Behandlung

Am nächsten Morgen kam ich ins Gästehaus, Jimmy rollte mit den Augen und klagte: „So habe ich noch nie jemanden essen gesehen. Die Mama und die Söhne haben nicht genug gekriegt, die haben sich die Teller vollgehäuft, wie noch nie jemand vor ihnen.“ Aus dem Zimmer der Holländer kamen die gewohnten Geräusche, Musik hämmerte, Gespräche wurden schreiend geführt. Meine anderen Gäste fragten nach dem Frühstück, wie lange die Schreihälse denn zu bleiben vorhätten. Beruhigend konnte ich ihnen mitteilen, dass sie nur eine Nacht gebucht hatten. Normalerweise mussten die Gäste bis zehn Uhr auschecken, dann wurden die Zimmer von Jimmy oder John gereinigt, weil meist schon am gleichen Tag neue Gäste angemeldet waren.


Es wurde elf, es wurde zwölf Uhr, aus dem Zimmer dröhnte es nach wie vor. Ich hatte bereits meine Markteinkäufe zugunsten der Buchhaltung verschoben, hatte mit Jimmy ein Lunch vorbereitet; wir sahen uns an und nickten. Es war Zeit, die drei auf die Regeln des Hauses hinzuweisen. Ich klopfte an der Tür des Zimmers, immer lauter, bis mir aufgetan wurde. Was ich nun sah, ist fast unbeschreiblich: auf den Betten lümmelten zwei blonde Knaben in schlammverkrusteter Bettwäsche, auf dem Boden, an den Wänden, überall waren Spuren von Schlamm.


Ich erinnerte die Holländerin an die Hausregeln, die sie am Nachmittag des Vortages unterschrieben hatte – und die Tür wurde mir vor der Nase zugeknallt. Jetzt waren all meine Abwehrmechanismen mobilisiert, ich wartete genau eine halbe Stunde, bis ich mit Jimmy wieder an die Tür hämmerte und kategorisch brüllte: „Raus!“ Beziehungslos, wie die drei wohl waren, hatten sie gepackt, die „Dame“ beglich wortlos ihre Rechnung, und als wir das Geräusch des startenden Motorrads hörten, sahen Jimmy und ich einander vielsagend an.


Kurz danach kam ein Team des Bayerischen Fernsehens, das einen Film zum hundertjährigen Bestehen der Lutherischen Kirche in Niugini drehen wollte. Was waren das für mich erfrischende, anregende Menschen! Im Gespräch mit ihnen meinte ich, wieder „meine“ Sprache zu entdecken, ich fühlte mich so wohl in der Gegenwart dieser Frauen und Männer, dass ich sie einlud, uns in Amron zu besuchen. Roswitha und Jochen waren zum Heimaturlaub in Deutschland, und hatten eine tiefe Lücke an Gesprächspartnern in uns hinterlassen. Das Team war so offen; in ihrer Gegenwart fühlte ich mich wieder wie eine richtige Frau, nicht mehr nur wie ein funktionierendes Wesen. Durch sie erkannte ich, wie ausgehungert ich nach Menschen war, mit denen man sich wirklich tief unterhalten, wirklich austauschen konnte. Susanne, eine ehemalige Lehrerin, die mit Marian liiert war, einem warmherzigen Polen, dazu die spritzige Italienerin Antonella, und ein Regisseur, den ich als schwul einstufte. Amos war zu den Osterferien gekommen, und unsere Gäste hatten im Nu die Herzen unserer Kinder erobert. Sie schwangen mit ihnen, Tarzanschreie ausstoßend, an den Seilen des Mangobaums über den Abhang, sahen Videofilme der Kinder mit an und lachten dabei Tränen. Janna und Amos genossen diesen Besuch, als wären sie wantoks, was sie ja auch waren, denn sie sprachen alle Deutsch. Wir verabredeten, am Samstag nach ihren Dreharbeiten miteinander zu kochen, und den Sonntag auf Sinub zusammen zu verbringen.