Zerstörung

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Lebensgrundlage wird zerstört

Von der Regenzeit in die Trockenperiode

Probleme des Urwaldes – Der Boden ist völlig ausgelaugt

In den siebziger Jahren hatte eine japanische Firma, die Jants Company, die Straße mit riesigen Schiebern aus dem gerodeten Urwald geschoben. Breit war sie und mit Korallenschotter gut abgedeckt. Die Gründe für den Straßenbau waren allerdings rein wirtschaftlicher Natur gewesen. Die Firma hatte mit der damaligen Regierung einen Vertrag abgeschlossen – wir glaubten, uns an einen 30-Jahresvertrag zu erinnern – nach dem sie den Urwald roden durften. Die Regierung pachtete das Land von den Clans, die dafür zu lächerlichen Anteilen am Gewinn beteiligt wurden und nun für die Zerstörung ihrer Lebensgrundlage ebenso lächerlich "entschädigt" wurden. Aus autonomen Selbstversorgern wurden Konsumenten importierter Waren, so dass ihr durch schwere Arbeit verdientes Geld wieder dorthin floss, woher es gekommen war. Zur leichteren Abfuhr des kostbaren, alten Holzes hatte die Firma diese Straße, die Richtung Nordosten zum Fluss Gogol führte, aus dem Busch gestampft, und die Straße nach Begesin war eher ein Nebenprodukt gewesen. Dem Vertrag nach war die Jants Company nach dem Abholzen zur Aufforstung verpflichtet. Sie hielt sich insoweit an die Auflagen, als sie schnellwüchsige Bäume wie Eukalyptus und Akazien nachpflanzte, die sie nach ungefähr zehn Jahren wieder abholzen konnte, dann noch mal und noch mal, bis zum Ablaufen der Lizenz. Wertvolle alte Bäume, Eisenholz, Teak, Niugini-Walnuss sowie Bäume, die den Einheimischen als Heilpflanzen gedient hatten, waren unwiederbringlich verschwunden, die tumbuna, die Ahnengeister, die sie schützend bewohnt hatten, mit ihnen.



Anmerkung (4): der damalige Südostasienreferent des Bayr. Missionswerkes (hier „Ulrich“ genannt), der die Quecksilberverseuchung bekanntmachte, erhielt ein Einreiseverbot seitens der Regierung

Das Problem für den Urwald – nicht für die japanische Firma, versteht sich – war, dass der Boden durch die mehrmalige Aufforstung mit schnellwüchsigem Holz völlig ausgelaugt war. Bis wieder richtiger Urwald würde entstehen können, würde es viele viele Jahrzehnte dauern. In Deutschland hatten wir später gelesen, dass die Japaner das herrliche uralte Holz zu Spänen verarbeiteten, aus denen Verpackungsmaterialien wie Kartons entstanden. Die einstige Straße nach Begesin hatte zwei oder drei Regenzeiten ausgehalten, dann war sie weggeschwemmt gewesen, und nun war von ihr nichts mehr zu finden. Traurig standen Michael und ich da, im lichten, aufgeforsteten Wald, und versuchten, unseren Kindern verständlich zu machen, was wir selbst kaum fassen konnten.


Auf der Weiterfahrt redeten sich Janna und Amos – kleine Gerechtigkeitsfanatiker, die Kinder wohl meist sind – über die Ungerechtigkeit in Rage, von der sie gerade gehört hatten. „Warum dürfen die das, kann man dagegen gar nichts tun?“ war zu hören, bis wir das fruchtbare Ramutal erreichten. Nun passierten wir endlos scheinende Kokosplantagen, vermutlich schon zu Zeiten der deutschen Kolonisierung angelegt, sowie eine riesige Zuckerrohrplantage. Wir kamen an Kaffeegärten vorbei, zwischen deren Büsche mit ihren roten Früchten und glänzenden grünen Blättern hohe Schattenspender gepflanzt worden waren; davor wuchsen Flammensträucher mit orangeroten Blütentrauben.


Als wir später das breite Tal des Markhamflusses entlangfuhren, blickte ich fasziniert auf die Palmen, die mir eigenartig urtümlich erschienen. Braune, knorrige Stämme, aus denen federige Palmbüschel wuchsen, klammerten sich an den mit Kunaigras bewachsenen Hängen in der trockenen Erde fest. „Schaut“, machte ich die Kinder aufmerksam, „sieht das nicht aus wie in der Steinzeit? Mir ist, als könnte jeden Moment dort drüben am Hang ein riesengroßer Dinosaurier zwischen den Palmen auftauchen“. Im Markhamtal, erklärten wir Janna und Amos, hatten wir die Wettergrenze erreicht. Steckten wir bei der Abfahrt in Madang noch in der Regenzeit, so wurde es hier immer trockener, und in Lae würden wir dann in der Trockenperiode ankommen. Als wir in Lae eintrafen, war die Zeit der kurzen Dämmerung fast schon erreicht. Schnell fanden wir am äußersten Stadtrand St. Pauls, die Kirche, neben der Marina und Gunnar mit ihren Töchtern wohnten, so dass wir noch vor Einbruch der völligen Dunkelheit heil angelangt waren.