Erleichterung

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Unerwünschte Gäste

Schlimme Unterstellung aus Eifersucht

Erschreckende Vergesslichkeit der Gäste

Ich machte mich auf den Weg, meine Frischeinkäufe auf dem Markt zu erledigen, die Stimmen meiner Gäste noch im Ohr, die gewarnt hatten, dieses grelle Paar passe nicht in unser Gästehaus, sie seien in ihrer fordernden Haltung unerträglich. Nach dem Lunch setzte ich mich an meinen Schreibtisch und schrieb auf ein Plakat, von nun an habe jeder Gast ein Schlüsselpfand von 10,- Kina zu entrichten. Allzu oft war es schon vorgekommen, dass Gäste mit ihren Zimmerschlüsseln abgereist waren und ich ihnen hinterherjagen musste; dem gedachte ich endlich entgegenzuwirken. An jedem Schlüssel brachte ich außerdem eine schwere Holzkugel an, damit auch wirklich kein Gast übersehen konnte, dass er noch ein Andenken vom Gästehaus bei sich trug.


Mit John bereitete ich das Dinner vor, wir nahmen aus der Gefriertruhe einundzwanzig Steaks, dazu sollte es ein Süßkartoffelsoufflé und Salat geben, für die beiden Vegetarier besprach ich mit ihm, könnte er Rühreier machen. Ein Anruf von Janna kam, ich solle aus der Videothek bitte die Fortsetzung eines Videos mit dem Titel … mitbringen. Anrufe dieser Art kamen ständig, und da sie mir seit der Übernahme des Gästehauses heimlich vorwarf, keine verfügbare Mutter zu sein, war ich stets eifrig bemüht, ihre Wünsche genau zu erfüllen. Auf dieser Schiene war ich am leichtesten verletzbar, denn welche Mutter möchte schon eine schlechte, vernachlässigende sein? Nachdem ich auch diesen Auftrag erledigt hatte, fuhr ich nach Hause.

An diesem Abend kamen die Anrufe der ewig Gestrigen. Das Gästehaus war längst für die Weihnachtsfeiertage ausgebucht, in der Hauptsache von weißen Mitarbeitern der Kirche, als es den Niuginis einfiel, sich um eine Unterbringung zu bemühen. Jedes Mal, wenn ich sagte, es sei kein Zimmer mehr frei, nicht ein einziges, kamen ungläubige Nachfragen. Aber auch auf die Gefahr hin, als Rassistin beschimpft zu werden, gab ich tief befriedigt immer wieder die gleiche Auskunft: mein Haus war wirklich ausgebucht.


Als ich am folgenden Morgen die Kinder in der Schule abgesetzt hatte, die nun immer von Roswitha oder Anne abgeholt wurden, betrat ich das Gästehaus, in dem wie gewöhnlich noch die Gäste beim Frühstück saßen. John kam aus der Küche geschossen und bedeutete mir, sofort mit ihm dort einzutreten. „So etwas habe ich in der gesamten Zeit, seit ich hier arbeite, noch nicht erlebt“, erboste er sich. „Gestern Abend habe ich das Essen serviert, wie besprochen die einundzwanzig Steaks und Rühreier. Kaum stand es auf dem Tisch, da schnappte sich die ungute Frau die Platte mit den Steaks, legte sich und ihrem Mann eins auf den Teller, und die anderen Gäste mussten sich die restlichen Steaks aufteilen. Die waren ganz wütend“, sagte er, „die sich zum Schluss die Rühreier teilen mussten“. Ziemlich fassungslos hörte ich mir die Geschichte an, dann setzte ich mich an den Frühstückstisch und fragte erst einmal unschuldig, wie das gestrige Dinner angekommen sei. Ethel, die Frau eines P.B.T.-Mitarbeiters freute sich sichtlich über mein Nachhaken. Sie kam mit ihrer Familie aus dem Hinterland von Mount Hagen, endlich einmal hatten sie sich einen Urlaub gegönnt, und nun das. Die Pioneer Bible Translators, eine Organisation von Bibelübersetzern, lebten mit den Einheimischen in ihren Dörfern unter einfachsten Umständen. Sie studierten die jeweilige Sprache, während sie das Stammesleben teilten, um später die Bibel in die Sprache zu übersetzen. Man konnte Ethel die entbehrungsreiche Zeit, die hinter ihr lag, ansehen. Mit deutlichen Worten beschwerte sie sich: „Dein Essen war wie immer lecker, nur haben diese beiden Vegetarier uns die Steaks weggefuttert und wir mussten uns an Rühreiern sattessen“. Fragend schaute ich die beiden bunten Vögel an. „Well“, wetterte Julie, „auch wir Vegetarier müssen unsere Proteine irgendwoher beziehen!“ Diese Dreistigkeit raubte mir schlichtweg den Atem; vor so viel Ignoranz musste ich meine Segel streichen. Nur, als Julie und Mike ihren Aufenthalt vorzeitig wegen der „spürbaren Feindschaft von angeblich christlich gesonnenen Menschen“ abbrachen, gab ich mir nicht díe geringste Mühe, meine offenkundige Erleichterung zu verbergen.