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Herculaneum

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Die Stadt des Herkules

Bemerkenswerte Ausgrabungsstätte

Wer mit der Circumvesuviana – demselben Zug wie nach Pompeji – die im Untergeschoß des Hauptbahnhofes von Neapel abfährt, nach Herculaneum rattert, steigt an der Haltestelle »Ercolano« aus. Die Straße in Richtung Meer etwa 500 m hinuntergehen. Die Ausgrabungstätte (Scavi) liegt ganz vorne und ist gut ausgeschildert. Für diejenigen, die es sich nicht schon fast gedacht haben (auch wir wissen es erst seit heute): Herculaneum verdankt seinen Namen Herkules (oder Herakles), der die Stadt gegründet haben soll. Vor dem verhältnismäßig Ausbruch des Vesuvs im Jahre 79 n.Chr. lag es unmittelbar am Meer. Kleiner als Pompeji und in den alten Zeiten auch behäbiger, nehmen sich manche Behausungen hier dennoch raffinierter aus, vor allem jene am Strand. Die hübsche Umgebung am Golf von Neapel muß einige reiche Römer und Kampanier angelockt haben. Die Bauten sind weitaus besser erhalten, da sie von undurchlässigem vulkanischem Schlamm bedeckt wurden, und nicht von Asche wie in Pompeji. Man hat fast das Gefühl, in eine intime Familiensphäre einzudringen, vielleicht aufgrund der verbliebenen Lebenszeichen wie Stoffteile, verkohlte Treppen und hitzeverbogene Metallstücke. In das Gelände gelangt man über eine Brücke, von Mussolini gebaut – warum ist das so wichtig? Die einen bauen eben Brücken, die anderen Autobahnen ... von der man einen umfassenden Blick über die ganze Anlage hat. Jeden Tag Zutritt von 9h bis eine Stunde vor Sonnenuntergang.

Sehenswert

Casa d´Argo (Argus-Haus): stattliches Patrizierhaus mit Säulenreihe um den Garten.
Casa dell´Atrio a Mosaico (Atrium- und Mosaiken-Haus): noch ein Patrizierhaus gleicher Statur. Das ist nicht verwunderlich, hatten sich die Patrizier doch die besten Ecken des Ortes ausgesucht. In dieser hier boten Wohnzimmer und Empfangsaal Blick aufs Meer. Natürlich Mosaiken, aber auch ansprechende Malereien.
Casa del Tremezzo di Legno: das Haus mit dem Holzverschlag. Ecke Cardo III, Decumano inferiore. Diese erstaunlich gut erhaltene Trennwand mit ihren drei Türen schloß den Eingang zum Tablinum ab. Auch die Fassade ist in einem verblüffend intakten Zustand.
Terme del Foro (Thermen des Forums): aus dem 1. Jahrhundert v.Chr. Sie weisen eine logische und klare Architekturlinie auf, außerdem sind sie bestens erhalten. Zwei Bereiche, einer für Frauen, der andere für Männer. In beiden ist ein kunstvolles Pflaster aus Mosaiken mit maritimen Motiven zu bewundern. Darüberhinaus in den Männerthermen: die Palaestra (Turnhalle); das Apodyterium (Garderobe); das Frigidarium (kalter Raum) mit einem hübsch blauen und runden Becken, darüber ein mit Meerestierfresken geschmücktes Gewölbe; das Tepidarium (lauwarmer Raum) und das Caldarium (heißer Raum). Die Frauenthermen fallen etwas kleiner aus. Auch hier ein Apodyterium mit hübschen Mosaiken, ein Tepidarium mit Marmorbank und ein Caldarium. An den Wänden beider Tepidaria wurde heißer Dampf in die Räume geleitet. Die Thermalbäder waren schon damals gut ausgetüftelt und dienten keinesfalls nur der Reinigung und dem Bad, sondern auch der Körperkultur und Kommunikation.
Casa Sannitica (samnitisches Haus): entzückender Bau in vorrömischem Architekturstil Herkulaneums. Am Rande bemerkt: bei den Samniten handelte es sich um ein altitalisches Gebirgsvolk im südlichen Apennin.
Casa di Nettuno e Anfitrite (Haus des Neptun und der Amphitrite): im Erdgeschoß ein unglaublich gut erhaltener Laden mit Tresen, Utensilien und Regalen mit Weinamphoren darinnen. Im Inneren des Hauses ein kleiner Hof mit hübschen Mosaiken: Jagdszenen, Blumenmotive, Muscheln und Masken auf der einen Wand des Nymphäons; auf der anderen Neptun und seine Gattin Amphritite.
Casa del bel Cortile: originell mit seinem hochliegenden Innenhof (daher auch die Bezeichnung durch die Archäologen).
Sacello degli Augustali: Stätte des Kaiserkultes mit hübschen Fresken. Dass Herrscher zugleich als Götter verehrt wurden, findet sich bei etlichen Naturvölkern, im früheren Asien, in Ägypten, bei den Griechen und eben in der römischen Kaiserzeit. Der Potentat galt als Gott auf Erden, Sohn Gottes (!) oder als göttlich Erwählter und betrachtete sich selbstverständlich als Mittelpunkt des Kosmos. Einziger Lichtblick: die Lebensdauer des sakralen Herrschers konnte durch sakrale Tötung befristet werden.
Casa del Bicentenario: heißt so, weil dieses Haus 1939 genau zweihundert Jahre nach Beginn der Ausgrabungen entdeckt wurde. Dabei hätten die vielen dort ans Licht der Sonne beförderten Schönheiten zu stimmigeren Namen anregen können: man beachte beispielsweise das Impluvium (ein Becken, in dem Regenwasser gesammelt wurde) im Atrium, den Marmorboden und die prächtigen Malereien des Tablinums. Im ersten Stock lagen die Schlafkammern der Bediensteten. In einem dieser Räume haben Archäologen ein in eine Stuckplatte graviertes Kreuz gefunden. Es handelt sich dabei wahrscheinlich um das älteste bekannte christliche Symbol der römischen Welt. Die Eltern des mißratenen Filius´, so sie die Kritzelei entdeckt hatten, dürften schockiert gewesen sein; richten diese neumodischen Sekten doch allerlei Unheil in der zarten Psyche Jugendlicher an ...
Bäckerei (Pristinum): Ofen im Hinterzimmer, Mühlstein im Hof.
Palaestra: Turnhalle mit einem 35 m langen Schwimmbecken. Zu beachten ist vor allem die Wasserzufuhr: ein aufwendiger Bronzebrunnen in Gestalt einer fünfköpfigen Schlange, die sich um einem Baumstamm wickelt.
Casa dei Cervi: das »Haus der Hirsche« ist mit Sicherheit das schönste der ganzen Anlage. Sein Garten lag ursprünglich gleich über dem Meer, heute nur schwer vorstellbar, da einem jetzt das mächtige Lavagebirge den Blick dorthin verstellt. Die Gebäude umgeben einen lauschigen Gartenhof. An den Wänden erkennt man noch gut einige Fresken. Großartige Gruppenplastiken von Hirschen, die von Hunden angefallen werden, zierten ursprünglich den Garten. In einem der Räume eine ungewöhnliche Statue des trunkenen Herkules.
Die Cardo IV und V säumen einige Geschäftsboutiquen und Wohnhäuser. Darunter das Haus mit dem Telephusrelief (Casa del Relievo del Telefo), das Richtung Meer gedreht war, und das Haus des Edelsteines (Casa della Gemma) mit hübschem Innendekor, diversen Alltagsgegenständen und jenen unvergeßlichen Graffiti in den Latrinen (Toiletten): Apolinaris medicus Titi imperatori hic cacavit bene: »Apolinaris, Arzt des Kaisers Titus, hat hier gut gekackt«.
Terme Suburbane (Vorstadtthermen): mit kunstvollen Verzierungen. Lange Zeit ging man davon aus, die Einwohner Herculaneums hätten noch Zeit gehabt, ihre Stadt zu verlassen, ehe diese unter Vulkanschlamm begraben wurde. Die Entdeckung von dreizehn Skeletten in den achtziger Jahren unweit Nähe der Thermen scheinen das Gegenteil zu beweisen. Einer versuchte offensichtlich, mit einem Boot über das Meer zu flüchten. Es ist durchaus möglich, dass eine beachtliche Anzahl von Einwohnern an den Toren der Stadt vom Schlamm überrascht wurde. Die zukünftigen Ausgrabungen werden mehr darüber zutage fördern. Fortsetzung folgt ...