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Terror

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FLNC und Untergrund

Bäng! Bäng! Ein Höllenlärm mitten in der Nacht. Fünfzehn Villen oder, besser gesagt, fünfzehn reizende Urlaubsbunker aus Beton sind gerade in die Luft geflogen. In Beirut? I wo, auf Korsika! Man regt sich schon gar nicht mehr darüber auf. An manchen Tagen geht es auf der »Insel der Schönheit« heißer zu als in allen Bananenrepubliken der Welt zusammengenommen. Allein 111 Anschläge 1974, 463 Anschläge 1980, 615 Anschläge 1992 und weitere Hundert seither. Die Hälfte der Aktionen geht auf das Konto der 1976 gegründeten und 1982 verbotenen FLNC. Ihr Markenzeichen ist Korsikaurlaubern wohlvertraut: eingebombt in viele Mauern.

Mysteriöse Kerle. Sommers wie winters vermummt, in grünem Drillichzeug, Gewehr über der Schulter, ein paar nette Maschinenpistolen hinter dem Gebüsch. Pressekonferenzen werden mitten in der Nacht um einen Tisch in der Macchia einberufen, als handele es sich um ein Trinkgelage. Aber nein, hier ist alles bitterer Ernst. »Freiheit oder Tod« heißt das Motto – der gleiche Wahlspruch, wie ihn auch die bulgarischen Partisanen im 19. Jh. gegen die osmanische Herrschaft führten. Seltsames Kräftemessen zwischen einer Handvoll Unbeugsamer und der zentralistischen Staatsmacht in Paris.

Wieviele Banken wurden während dieses Kleinkriegs schon ausgeraubt – eine andere Finanzierungsmethode ist die Schutzgelderpressung von Geschäftsleuten, Handwerkern, Gastwirten und Hoteliers in Mafiamanier (»Revolutionsabgabe«) – wieviele Amtsgebäude gesprengt, wieviele Villen zerstört, wieviele Interessen von Festlandsfranzosen in Grund und Boden gebombt?

Man muß der FLNC zugute halten, dass sie die Symbole der Fremdbestimmung zu treffen sucht, nicht die Menschen. Dennoch sind alle Zutaten für eine Tragödie vorhanden. Offenbar waren der Tod von Guy Orsoni, die Ermordung Pierre Massimis, die Razzia des Zorro-Kommissars Broussard und der Tod des Dr. Lafaye 1987 notwendig, damit im Juni 1988 endlich eine Feuerpause beschlossen wurde. Wie tönte doch der damalige französische Innenminister Pasqua? »Der Kampf um Nouméa (Neukaledonien, wo Frankreich ähnliche Probleme hat) beginnt in Bastia.«

Wilde Gerüchte behaupteten, Libyens Gaddafi unterstütze die FLNC mit Geld und Waffen. Gefällt dem Berbersohn etwa das Maurenhaupt auf der korsischen Flagge?

Soviel steht fest: der Anblick versprengter Mauerbrocken am Strand läßt wenig Bedauern über das nicht mehr Vorhandensein dieser architektonischen Scheußlichkeiten zu. Oder, wie uns ein Leser schrieb: »Vielleicht ist es ihnen (den Nationalisten) zu verdanken, dass Korsika nicht so eine Touristenfabrik geworden ist wie die Balearen, denen Beton und Kapital bald den Garaus machen werden.«

Was ist seither aus der ultranationalen korsischen Bewegung geworden? So mancher ist der Meinung, sie drifte in die gewöhnliche Kriminalität ab und ihre sogenannte Legitimität aus dem Volk schwinde von Tag zu Tag. In den Augen breiter Bevölkerungsschichten hat sie jedenfalls am 15. Juni 1993 durch den kaltblütigen Mord an dem Angestellten eines Geldtransportunternehmens endgültig ihre Seele an den Teufel verkauft. Robert Sozzi, Vater von zwei kleinen Kindern, wollte aus der Befreiungsfront ausscheren und war das erste Mordopfer, dessen Tod die Öffentlichkeit nicht mit Schweigen quittierte: eine »Bewegung 15. Juni« meldete sich zu Wort und erklärte, Sozzis Tod sei das »Ergebnis der selbstmörderischen Logik einer politischen Bewegung, die dem Wahnsinn verfällt und ihre Identität verliert«. Abstoßender Begleitumstand der Bluttat: wenig später wurde der Mörder vor laufenden Fernsehkameras anläßlich einer Versammlung von rund zweitausend Sympathisanten bejubelt.

Viele Korsen sehen inzwischen in dieser skandalösen kollektiven Gutheißung eines Mordes das Symptom einer fortgeschrittenen Nekrose der FNLC. Eine der historischen Figuren der FLNC, Leo Battesti, rief sogar zur Auflösung der nationalistischen Untergrundbewegung auf, um den politischen Kampf in Zukunft mit demokratischen Mitteln zu führen. Dergleichen wäre bisher undenkbar gewesen, und so verlor Battesti denn auch sein Mandat als Abgeordneter der MPA-Liste im Inselparlament.

Die Lage ist denkbar unübersichtlich, da die Flügel der FNLC heillos zerstritten und in Fraktionen aufgesplittert sind. Für die Mehrzahl der Sprengstoffattenate übernimmt der radikale Canal Historique (»Historische Kanal«) des FNLC die Verantwortung. Er spricht sich kompromißlos gegen den weiteren Ausbau Korsikas zum »europäischen Bräunungsstudio« aus. Daneben existieren aber noch zahlreiche legale und halblegale Gruppierungen, wie etwa das MPA (Muvimentu per l´Autodeterminazione – »Bewegung für die Selbstbestimmung«), der Cuncolta Naziunalista, die APC (»Vereinigung der korsischen Patrioten«, Associu di Patrioti Corsi), die UPC (Union pour le peuple corse, »Union für das korsische Volk«), die Accolta Naziunale Corsa (»Korsische Nationale Sammlung«) und das politisch einflußreiche »Syndikat der korsischen Landwirtschaft« (Sindicatu Corsu di l´Agricultura) – mit der Einigkeit der separatistisch gesonnenen Korsen untereinander scheint es nicht weit her zu sein ... Aus diesem Grund geraten sie innerhalb der Bevölkerung auch immer mehr in die Isolation!