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Ghisonaccia

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Tafelwein aus Korsika(20240)

Früher trieben hier Schäfer ihre Herden durch, heute schieben sich Touristenkolonnen gen Süden – noch immer ist die »Hauptstadt« des ostkorsischen Flachlandes ein wichtiger Verkehrsknotenpunkt in der fruchtbaren Mündungslandschaft des Fium´Orbo. Der in den fünfziger Jahren in Frankreich verbreitete Tafelwein wurde hier angebaut. Ja, die gute alte Zeit!

Damals kamen Frankreich seltsamerweise drei »Departements jenseits des Meeres« (Départements d´Outre Mer) nach und nach abhanden, deren Hauptstädte Algier, Oran und Constantine hießen. Auch der damalige Innenminister unter P. Mendez-France, F. Mitterrand, konnte bei seinem Besuch in jenem Landstrich noch so sehr die »Integrität Frankreichs«, die nicht zur Diskussion stehe, beschwören. Es half nichts: die dickköpfigen Eingeborenen schafften es, anders als die Korsen, sich der fremden Macht zu entledigen. Vorbei die feuchtfröhlichen Zeiten, als die »Weinfabrik« Schlumberger im elsässischen Gebweiler, die heute "bloße" 135 ha Rebland besitzt, seinerzeit über 2000 ha in Algerien vorweisen konnte und zur Weinlese in Constantine alljährlich das Schwimmbad leeren ließ, um in den Becken den Most zu vergären.

Schluß auch mit den Atombombenversuchen bei Bamako an der Grenze zum Senegal, unweit Timbuktus, Schluß mit der Ausbeutung der Ölvorkommen durch Elf Aquitaine und Schluß mit dem Verbindungsweg zu der geklauten deutschen Kolonie Togo (hätten wir doch wenigsten eine für die Ferien behalten, verdammt!), dem Senegal u.a. französischen Besitzungen! Rund 1,8 Millionen Kolonisatoren (Pieds Noirs) zogen nach Frankreich. Über eine Million Algerier mit französischem Paß floh nach Frankreich, aber etwa 600.000 Harkis (alg. Soldaten der Kolonialarmee mit franz. Staatsbürgerschaft) verweigerte Frankreich die Einreise, so dass sie in Algerien massakriert wurden. Ein schöner Dank ... aber auch: das kommt davon, wenn man mit den Besatzern paktiert ...

Rund achttausend Algerienfranzosen ließen sich in der Gegend zwischen Ghisonaccia und Aléria nieder und panschten ein zuckersüßes Gebräu. Selbiges geriet dann, vermischt mit anderen Weinen, zu einem undefinierbaren Gesöff, das die Zunge pelzig werden ließ ... Dieses »Goldene Zeitalter« ist untergegangen: zuvor mußten viele Gewehre knallen, Leute verließen Hals über Kopf die Gegend, es herrschten Haß und Rachsucht. Seither hat sich die Weinqualität verbessert, aber die Produktion ließ stark nach. Den Unfrieden gab es natürlich nicht nur wegen des Weins, sondern vor allem wegen der finanziellen Unterstützung der Pieds Noirs, die den ebenso notleidenden Einheimischen verwehrt wurde. Heute herrscht wieder Frieden im Land. Mittlerweile gedeihen hier auch chinesische Stachelbeeren, auf Neudeutsch »Kiwis« und andere Obstsorten, und in den Teichen wird Fischzucht betrieben. Das Dorf an sich ist reizlos, der Strand mittelmäßig, aber wenigstens vorhanden. Unvorhandene Strände beschreiben wir auch gar nicht, komisch, was?

Hier noch einige Zeilen zu Algerien:
Der Maghreb war jahrhundertelang unter Fuchtel des osmanischen Reiches gewesen, das dort seine Statthalter (Bei) einsetzte. Der osmanische Einfluß zeigt sich z.B. in der Grenzstadt Tlemcen mit Stadtmauer, Palästen sowie seinem gesamten Stadtbild. Der Bei von Algier verdiente 10% der Einnahmen mit Piraterie. So unterhielten die Araber einen Stützpunkt in Kap d´Agde, überfielen fortwährend die Balearen, Sizilien, Korsika, Sardinien, Marseille u.a. Mittelmeerhäfen, ja sogar bis Irland wagten sie sich, wo sie !!! . König Louis Philippe sandte 1830 einen Botschafter zum Bei, um die Seeräuberei auf diplomatischem Wege abzustellen. Dieser schlug ihm empörte seinen Fächer ins Gesicht, was in der franz. Geschichtsschreibung als »coups d´éventail« Eingang fand. Als feiner Mann prügelte der Botschafter nicht zurück, sondern sagte, dass er sich erlaube, seinem König von der Unterredung Mitteilung zu machen, und so landeten zwei Monate darauf 30.000 Franzosen in Algerien.

Tunesien geriet in den 50er Jahren des 19. Jh. unter französische Herrschaft. Der Bei von Tunis war autonomer Herrscher in Erbmonarchie und holte die Franzosen als Protektoratsmacht, da u.a. die Engländer begannen, sich für die Bodenschätze Phosphat und Erze zu interessierten. Die konnte auch Frankreich gebrauchen.

Der Norden Marokkos hatte nur kurz zum osmanischen Reich gehört, der Süden gar nicht. Ca. 80% der Bevölkerung sind Berber, 20% Araber. 1911 wurde das Land französisch, erobert vom Lothringer Marschall Vogelsang, Zögling der Preußischen Kadettenanstalt Potsdam, der sich dort wegen einer Frauenaffaire aus dem Staube gemacht hatte so ein Feigling! und sich Liautey in Frankreich nannte.