In der Transsib

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Durchschlagen in der Transsib

Prowodnitzas und hartnäckige Verhandlungen

Zu jedem Wagen gehören in der Regel zwei Zugbegleiterinnen (selten Männer), die im Schichtdienst arbeiten. Im russischen Zug heißen sie Prowodnitza (oder Prowodnik), im chinesischen Fuwuren.

Theoretisch sind sie für Bettzeug, tägliches Staubsaugen in Gang und Abteilen, Klimaanlage, Samowar und bei Bahnhofsaufenthalten für das rechtzeitige Einrücken ihrer Schäfchen zuständig. Praktisch halten sie die Ordnung im weitestgehenden Sinne aufrecht.

Die eine Prowodnitza (Typ verhinderte Oberlehrerin) versteht darunter, täglich zweimal die Zahl der Plastikblumen in Abteilen und Gängen nachzuzählen und ständig nach dem Verbleib der Vorhänge zu fragen, die die Sicht behindern und verführerisch leicht abzubauen sind. Die andere (Typ Babuschka) versteht unter Ordnung vor allem Geselligkeit und trägt gerne zum abendlichen Unterhaltungsprogramm bei. Die dritte (Typ wasserstoffblondes Ewig-Mädchen) seilt sich so oft wie möglich in den Speisewagen ab, wo pausenlos und geräuschvoll der Rat der Zugangestellten tagt.

Im Sommer werden zwischen Moskau und Irkutsk oft auch Studentinnen eingesetzt, die bereitwillig ihre Fremdsprachenkenntnisse aufpolieren. In der Regel sprechen und verstehen Prowodnitzas aber nur russisch. Auf mehrtägigen Fahrten findet sich auch im Ausländerwagen immer ein Fahrgast, der russisch spricht und damit sofort einen Sonderstatus erhält.

Stellen Sie sich gut mit den Prowodnitzas. Sie haben unumschränkte Gewalt über viele Kleinigkeiten, die im Laufe der Fahrt erheblich an Bedeutung gewinnen: das Öffnen eines Fensters, das Wärmer- oder Kälterstellen der Klimaanlage, die Benutzung der Toiletten. Ein kleines Geschenk am Ende der Fahrt wird lieber gesehen als Trinkgeld.

Ausstattung der Abteile

Das klassische Abteil zweiter Klasse besteht aus vier recht komfortablen Betten (bis 1,90 Meter Körperlänge) und einem Klapptischchen. Murphy´s Gesetz besagt, dass das Tischchen nur in die Knie geht, wenn vier Tassen brühend heißen Tees daraufstehen. Uns ist der Beweis gelungen.

Das große Abteilfenster kann mehr oder weniger mühevoll geöffnet werden; meist mehr. Die Fenster auf dem Gang bleiben verschlossen, doch die Prowodnitza öffnet manchmal manche auf freundliches Bitten hin.

Zwischen den Klappbetten steht eine Person bequem. Zwei müßten sich, um aneinander vorbeizukommen, schon innig umarmen, was aber auch sehr schön sein kann.

Unter den Betten und über dem Gang (nur vom Abteil aus zu beladen) ist Stauraum für zwei moderate Gepäckstücke pro Person. Zu jedem Schlafplatz gehört ein Hängenetz für Habseligkeiten und eine trübe Nachtlampe.

In den Abteilen wie auf dem Gang krächzen Lautsprecher unablässig Radionachrichten und Ethno-Klänge (da tanzt der Sibirier). Sie lassen sich leisestellen und auch ganz abschalten.

Ausstattung der Wagen

Die Wagen der ersten und zweiten Klasse sind gleich aufgebaut. Zwar gibt´s Türen an beiden Enden, jedoch kann nur an einer ein- und ausgestiegen werden; die Eisenstufen sind steil und rutschig!

Die Plattformen an beiden Wagenenden stehen Rauchern zur Verfügung. Ansonsten herrscht im ganzen Wagen Rauchverbot.

An dem Ein- und Ausstiegsende befinden sich auf engem Raum eine Toilette mit Waschbecken, das Abteilchen der Prowodnitza, ein Wasserhahn in niedlicher Grotte und der Samowar, der stets kochendes Wasser bereithält.

Den schmalen Gang schmücken Spannteppiche, Bilder sibirischer Sehenswürdigkeiten, Thermometer, Radiolautsprecher und der Fahrplan.

Am anderen Ende des Ganges liegen der zweite, größere Toilettenraum und unter einer dreieckigen Holzklappe die »Mülltonne«.

Toiletten

Die unangenehmste Seite einer Transsib-Fahrt ist die Toilettenfrage. Zwei Toiletten sind deutlich zu wenig, wenn der Wagen mit 38 Passagieren und zwei Prowodnitzas voll belegt ist. Obwohl sie allmorgendlich geputzt werden, verbreiten die Toiletten nach einigen Tagen ein Ambiente, dem sich niemand länger als unbedingt nötig aussetzt. Zu allem Überfluß werden sie eine Viertelstunde vor Einfahrt in einen Bahnhof ab- und erst unbestimmte Zeit nach der Abfahrt wieder aufgeschlossen. Die Bahnhofstoilette sollten Sie nur im allergrößten Notfall betreten.

Abgesehen vom Samowar kommt im ganzen Wagen nur kaltes Wasser aus den Hähnen. Aufs Duschen ist (außer in der chinesischen Deluxe-Klasse) einige Tage lang zu verzichten. Zwar erfinden raffinierte Zeitgenossen immer wieder neue »Duschtricks« – mehr als eine tüchtig überschwemmte Toilette, eine beleidigte Prowodnitza und Seifenreste an den erstaunlichsten Körperstellen ernten sie damit aber kaum.

Im hinteren Toilettenraum gibt es eine Steckdose für Rasierer. In der Regel 220 Volt, gelegentlich 110 Volt – manchmal muß die Prowodnitza erst den Strom anstellen. Nur Normalstecker, kein Schuko, also Adapter mitbringen.

Essen auf Rädern

Bis auf einige transmongolische Züge führt jeder Zug einen Speisewagen an wechselnder Stelle mit. In der Regel dient er vor allem als Treffpunkt von gelangweilten, angetrunkenen und/oder liebeskummrigen Bahnangestellten.

Je nach Saison belagern ihn Australier und Waliser, Südafrikaner und Deutsche aber so lange, bis er zum Treffpunkt von gelangweilten, angetrunkenen und/oder liebesbekümmerten Touristen wird. In diesem sozio-kulturellen Zentrum entstanden schon Freundschaften, die fast 8000 km lang hielten. Seine Beliebtheit verdankt der Speisewagen übrigens weniger gastronomischen Leistungen als der Tatsache, dass man beim Ausstrecken nicht in jeder Richtung sofort an gefühlskalte Resopalwände stößt.

Im russischen Speisewagen (40 Sitzplätze) schwankt das Angebot stark. Mal Kaviar und geräucherter Lachs, meist nur fettwürflige Fleischwurstartefakte, Goulasch oder Koteletts. Außer Vegetariern werden alle satt. Bezahlung in Rubeln.

Die Angestellten richten sich nach Ortszeit und schließen je nach Lust und Unterhaltungswert schon um 21 Uhr. Es sei denn, man konnte mit diesem seltsamen ausländischen Kartenspiel ihre Neugier wecken ...

Im chinesischen Speisewagen (40 Sitzplätze, oft Wartende im Gang) wird pünktlich serviert: Mittagessen 11.30-13 Uhr, Abendessen 17.30-19 Uhr. Wer zu anderen Zeiten kommt und sich nicht allzu frech anstellt, darf auch noch speisen und hinterher mangels Wartender gemütlich sitzenbleiben. Bezahlung in Yüan.

Das chinesische Essen schlägt das russische um Längen: Suppe, verschiedene Gemüse- und Fleischgerichte, Reis bis zum Abwinken. Wer kein bißchen chinesisch spricht und die Speisekarte (gelegentlich mit ulkiger englischer Übersetzung) nicht entziffern kann, erhält einfach ein Menü.

Im mongolischen Speisewagen (selten zu sehen) gibt´s Bedienung in Nationaltracht, schleppenden Service und wenig zu beißen: ein oder zwei Fleischgerichte, Trinkjoghurt, Brot, Tee. Bezahlung in Tugrig oder (zu bescheidenem Kurs) in US-$.

Da vor allem die Züge 264 und 263 (Irkutsk – Ulaan Baatar und Gegenrichtung) nicht immer Speisewagen mitführen, sollten Sie sich Proviant für anderthalb Tage besorgen. An den Bahnsteigen entlang dieser Strecke ist außer geräuchertem Fisch wenig zu kaufen.

Alkoholika gibt es in jedem Speisewagen zur Genüge. Das Angebot fällt in östlicher Richtung überzeugender aus als in westlicher. Zwar entdeckt man Biere der erstaunlichsten Geschmacksrichtungen. Dennoch ist eine aus Deutschland mitgebrachte Reservepalette über-flüssig.

Bei internationalen Zügen wird an der Grenze der alte Speisewagen ab- und der des neuen Landes angehängt. Damit muß dann ab sofort in neuer Währung bezahlt werden.

Die Essenspreise sind immer zivil, aber dennoch vor der Bestellung zu erfragen. Wenn Dollars verlangt werden, versuchen Sie hartnäckig auf Landeswährung zu bestehen: erstens weil billiger, zweitens aus Prinzip, drittens als Training in Verhandlungstechniken des jeweiligen Landes.

Essen wie von Muttern

Einer der schönsten Züge der Tanssib sind ihre zwei bis fünf längeren Stopps (15-20 Minuten) pro Tag. Darauf ist die Bevölkerung des entsprechenden Ortes eingestellt. Es gibt Imbißmöglichkeiten im Bahnhof. Vor dem Bahnhof und auf dem Bahnsteig werden an Ständen Obst, Getränke, Süßigkeiten mit längst abgelaufenem Verfallsdatum, Tütensuppen, Fertiggerichte (das kochende Wasser dazu kommt aus dem Samowar), Gargekochtes und jede Menge Wodka verkauft.

Das allerschönste: fast in jeder größeren Stadt zwischen Moskau und Ulan-Ude kommen Babuschkas mit »Imbißmobilen« (ex-Kinderwagen) direkt auf den Bahnsteig. Zu ihren hausgemachten Leckereien gehören saure Gurken, eingemachtes Gemüse, gekochte Eier, geräucherte Fische, gebratene Hähnchenschlegel (»Gummiadler«), Perogis-Teigtaschen, Bratkartoffeln mit Kraut, selbstgebackenes Brot, diverses Gebäck, frisch gesammelte Beeren oder frische Milch. Das Angebot hängt stark von Region und Jahreszeit ab, läßt im Sommer aber kaum einen Wunsch offen. Gefordert werden meist Centbeträge, in Rubeln.

Die Bahnsteig-Babuschkas haben keine Behältnisse, in denen die erstandenen Leckereien mitgenommen werden könnten. Man rücke deshalb mit Campinggeschirr, kleiner Tüte oder Day Pack aus.

In der Mongolei fehlen Bahnsteig-Babuschkas. In China gibt es nur den reglementierten Verkauf zu verhandelbaren Preisen.